[2013] 06.08.2013 - Bow-Echo und MCS

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26 Jul 2015 14:36 - 23 Apr 2019 06:18 #15 von Justin Wenk
Justin Wenk erstellte das Thema [2013] 06.08.2013 - Bow-Echo und MCS
 
Zusammenfassung
 
 
Art, Intensität und Zelltyp
 
 
Gewitter, starkes Bow-Echo, später MCS-Bildung
 
 
Beteiligte Teammitglieder
 
 
Justin Wenk
 
 
Chasingorte/ betroffene Orte
 
 
Schiepzig/ bevorzugt die südöstlichen Teile von Sachsen-Anhalt
 

Wetterlage

Deutschland lag am 06.08.2013 auf der Vorderseite eines Troges, dieser advehierte subtropische Luft zu uns. In der südlichen bis südwestlichen Strömung waren mehrere Kurzwellentröge eingelagert. Einer dieser Kurzwellentröge erreichte von Frankreich her Deutschland, wanderte nordnordostwärts und führte zu einem Hebungsantrieb, dieser trug nochmals zur Gewitterbildung bei. Außerdem kam es zu einer Luftmassengrenze, diese trennte die kühlere Luft im Nordwesten und Nordosten Deutschlands von der subtropischen Luftmasse südlich davon.

Chasingbericht, Bilder & Videos

Am 06.08.2013 (Dienstag) zogen zunächst einige isolierte Zellen vor allem über den südöstlichsten Teil von Sachsen-Anhalt, diese entstanden oftmals am Thüringer Wald und zogen in Richtung Nordost bis Ost und griffen somit von Süden/ Südwesten her auf Sachsen-Anhalt über. Hierbei liegen uns allerdings keine Schadensmeldungen vor, wobei in den Zellen örtlich Hagel mit Korngrößen um die 2cm dabei gewesen sein soll, aber dieser war wahrscheinlich zu klein um Schäden (z.B. Beulen an Autos, beschädigte Scheiben) zu verursachen.

Gegen Abend griff dann ein Bow-Echo (größeres Gewittersystem in Form einer bogenförmigen Radarsignatur) von Südwesten her auf Sachsen-Anhalt über, vorläufig gab es außerdem bereits weiterhin einige stärkere Zellen. Die Gewitterfront erstreckte sich etwa von Bayern (Alpenvorland) aus bis in den westlichen Teil von Sachsen-Anhalt, allerdings war diese nicht überall komplett geschlossen, sodass es in einigen Orten nur mäßigen Regen gab und keine Gewitter. Später wandelte sich das Bow-Echo in ein MCS (Mesoscale Convective System) um, dies geschah etwa spätestens ab einer Linie Wittenberg - Dessau/ Roßlau - Anhalt-Bitterfeld - Salzlandkreis - Mansfeld-Südharz (evt. gar schon etwas südlicher), sodass u.a. nordöstlich der ganannten Linie allmählich schwächere Entwicklungen bzw. Intensitäten vorzufinden waren. Ansonsten kam es in stärkeren Gewitterentwicklungen zu heftigem Starkregen, schweren Sturmböen bzw. orkanartigen Böen (ganz lokal auch zu Orkanböen) und lokal auch zu Hagel (Großhagel), außerdem liegen uns einige Meldungen (u.a. auch aus Zeitungsberichten) über Tornados vor, allerdings wurden diese teilweise noch nicht bestätigt bzw. einige nicht als ein Tornado eingestuft. In einigen Orten war es wahrscheinlich eines der stärksten und strukturell besten Gewitter in diesem Jahr bzw. eines der stärksten der letzten Jahre. Weiteres dazu (u.a. auch zu den Tornado-Verdachtsfällen sowie zum Hagel) und auch weitere Informationen über die Schäden gibt es in unserer Bilanz im unteren Teil des Berichtes.


















Zusammenfassung

Das Gewittersystem brachte heftigen Starkregen, oftmals schwere Sturmböen, orkanartige Böen oder sogar Orkanböen (Querfurt-Lodersleben registrierte eine 127km/h-Böe!) und lokal auch kleineren Hagel, auch bestätigte Meldungen über Großhagel liegen uns vor (mehr dazu siehe unten). Aus den am stärksten betroffenen Regionen (v.a. aus dem südöstlichen Teil des Bundeslandes) wurden umgestürzte Bäume, abgedeckte Dächer, durch Hagel beschädigte Gebäude & Autos, überschwemmte Straßen sowie Keller und/ oder durch Blitzeinschläge verursachte Brände gemeldet. In einigen Orten war es wahrscheinlich eines der stärksten Gewitter in diesem Jahr bzw. gar eines der stärksten seit (mindestens) 2011 und durchaus auch schon mit der Schwergewitterfront vom 11.09.2011 vergleichbar, auch wenn es an diesem Tag andere Regionen (v.a. die Mitte Sachsen-Anhalts) traf. In den restlichen Teilen von Sachsen-Anhalt fiel diese Gewitterfront meist leicht bis mäßig aus, wobei wir auch hier einzelne kleinere Schäden nicht ausschließen können.

Tornado-Verdachtsfälle vom 06.08.2013

1. Köthen (Verdachtsfall, nach bisherigem Stand ist ein Downburst allerdings wahrscheinlicher)

2. Röblingen/ Umgebung (Verdachtsfall wurde nicht bestätigt, es handelte sich vermutlich nur um einen Gustnado)

Der angebliche Tornado-Verdachtsfall von Röblingen konnte nicht bestätigt werden, da es u.a. keine größeren Schäden zu vermelden gab und außerdem weitere Kriterien nicht für einen Tornado sprechen. Hierbei handelte es sich aus derzeitigem Stand vermutlich eher um einen Gustnado (kleiner und oftmals nur schwacher Wirbelwind, der sich im Bereich der aus einem Gewitter herausströmenden Luft als Böenfrontwirbel bildet, Gustnados gehören zu den Kleintromben bzw. Staubteufeln). Außerdem konnte man solche Erscheinungen an diesem Tag vielerorts in der Umgebung von Röblingen mit dem Durchgang der Shelfcloud feststellen, Tornados sind unter anderem an Bow-Echos auch eher untypisch.

Den Verdachtsfall von Köthen halten wir dagegen nach bisherigen Informationen für deutlich wahrscheinlicher, unter anderem wenn man allein schon die beachtlichen Schäden betrachtet. Außerdem war unser Team-Mitglied Christopher Irmer in Begleitung mit einigen Kollegen aus dem Team Niedersachsen in der Nähe von Bernburg unterwegs, von dort aus konnten sie in Richtung Köthen eine verdächtige tiefhängende Wolkenformation sowie Rotation erkennen. Aber auch hier steht es noch nicht ganz fest ob es tatsächlich einer gewesen sein könnte, auch einen Downburst (schwere Fallböe) halten wir für möglich beziehungsweise diesen halten für momentan sogar für wahrscheinlicher. Leider lässt sich dieser Fall ohne eine konkrete Schadensanalyse vor Ort nicht aufklären.

UWZ-Meldungen/ Analyse der am stärksten betroffenen Regionen

>>>Halle/Saale<<< >>>Saalekreis<<< >>>Burgenlandkreis<<< >>>Bitterfeld<<<

Die letzte Meldung aus dem Raum Halle bzw. den angrenzenden Dörfern stammt von unserem Team-Kollegen Justin Wenk. Hier kam es mit dem Frontdurchgang neben dem heftigen Starkregen auch zu schweren Sturmböen, was auch die Schäden in Wettin erklärt, denn dieser Ort liegt gleich nebenan von unserem Chasingpoint, die UWZ-Station in Halle-Trotha hatte zudem eine Spitzenböe von etwa 100 km/h registriert. Da außerdem die meisten Meldungen (u.a. auch mit der Stufe Rot) aus den südöstlichen (evt. noch mittleren) Teilen von Sachsen-Anhalt stammen, dürfte es wohl in den Regionen auch die stärksten Intensitäten gegeben haben, was wir auch anhand der Radarbilder feststellen konnten. >>HIER<< finden Sie außerdem noch die Unwetterwarnung des DWD, die am Abend des 06.08. für Teile Sachsen-Anhalts ausgegeben wurde.

Schweres Hagelunwetter vom 06.08.2013 im Landkreis Reutlingen (Baden-Würrtemberg)

Am 06.08.2013 kam es im Landkreis Reutlingen zu einem schweren Hagelunwetter. Am stärksten war -laut Informationen von Marco Kaschuba- die Gemeinde Sonnenbühl betroffen. Dort fielen an diesem Tag Hagelgeschosse mit unglaublichen Korngrößen von bis zu 12cm, teilweise soll es sogar einige gegeben haben die eine Größe von bis zu 14cm aufwiesen! Viele Menschen wurden dabei verletzt. Es enstanden Schäden in Millionenhöhe. Erst etwa eine Woche zuvor gab es ebenfalls in derselben Region ein schweres Hagelunwetter mit Hagel von bis zu 10cm. Auch hierbei entstanden bereits sehr große Schäden. Dieses Hagelunwetter war nach dem Münchener Hagelsturm von 1984 versicherungstechnisch bereits die zweit schlimmste Hagelkatastrophe in der Geschichte Deutschlands, und zählt zu den Top 5 der teuersten Hagelstürmen der Welt. Diesbezüglich sind wir hier noch einmal auf dieses Ereignis eingegangen.

Bilder - Mit freundlicher Genehmigung von Marco Kaschuba ( Website )






Das größte gefundene Hagelkorn vom 06.08. Größe: 14,1cm, Gewicht: 360g. Das Hagelgeschoss war beim Aufprall u.a. auch noch größer bzw. hatte noch deutlich ausgeprägtere Zacken.


Auch in Teilen Sachsen-Anhalts kam es zu tennisballgroßem Hagel

Aus Kayna bei Zeitz (Burgenlandkreis, südlichstes Sachsen-Anhalt) wurde am Abend des 06.08. tennisballgroßer Hagel gemeldet (siehe auch >>HIER<< , Quelle des Bildes: MZ). Dadurch kam es unter anderem auch zu größeren Schäden an Gebäuden und Autos. Außerdem erreichte uns aus einem Stadtteil von Dessau/ Roßlau eine Meldung über kleinere Schäden, vor allem an Dächern mancher Häuser, diese wurden ebenfalls durch Hagel verursacht, dieser fiel hier aber vermutlich kleiner aus als im Burgenlandkreis. Auch im Süden von Halle soll es zu kleinerem Hagel gekommen sein, genaue Größen der Hagelkörner sind unbekannt. Ansonsten liegen uns bisher keine weiteren Meldungen oder Zeitungsberichte über weitere von Hagel betroffenen Regionen vor.

Analyse Severe weather forecast von Sturmjagd Sachsen-Anhalt

Am 05.08.2013 gegen 23:00 Uhr wurde unser "Severe weather forecast" für den 06.08.2013 offiziell ausgegeben:



Am heutigen Abend und in der Nacht auf Dienstag wird sich die Luftmasse wieder labilisieren, allerdings bleibt es in Sachsen-Anhalt vorerst noch weitestgehend ruhig. Dies wird sich jedoch im Laufe des Dienstagnachmittages ändern, denn durch einen nordostwärts schwenkenden Kurzwellentrog wird Hebung erzeugt, die zur Gewitterbildung beitragen wird.

Somit können sich ab den Mittags- bzw. Nachmittagsstunden bereits erste stärkere Gewitter bilden bzw. aus Südwesten her auf Sachsen-Anhalt übergreifen. In Gewittern sind Begleiterscheinungen wie Starkregen mit Mengen zwischen 15 und 25 l/m² in kurzer Zeit, Sturmböen und Hagel bis 3cm möglich, aufgrund der schwachen Strömung werden sich die Zellen außerdem nur langsam in Richtung Nordosten verlagern, deshalb halten wir auch Starkregen mit Mengen über 25 l/m² in 1 Stunde zumindest lokal für wahrscheinlich. Außerdem kann es in stärkeren Entwicklungen auch zu schweren Sturmböen bis hin zu orkanartigen Böen und punktuell auch zu größerem Hagel mit einem Durchmeser von über 3cm kommen! Diesbezüglich haben wir uns für ein Level 2 mit einem Risiko von 50% entschieden, für den nordwestlichsten Teil von Sachsen-Anhalt ein Level 2 mit einem Risiko von 25%. Die Gewitteraktivität wird voraussichtlich bis in die 2. Nachthälfte hinein anhalten.

Ingesamt passte diese Vorhersage ganz gut zu der Lage die Sachsen-Anhalt bevorstand, allerdings hätte für den Norden/ Nordwesten und Westen von Sachsen-Anhalt die Ausgabe eines Level 1 mit einem Risiko von 50% gereicht, unter anderem war dies vorher auch so geplant, allerdings haben wir uns kurz vor der Ausgabe noch einmal zu einem Level 2 mit einem Riskiko von 25% umentschieden. Für den Südosten des Bundeslandes war dagegen ein Level 2 mit einem Risiko von 50% aber auf jeden Fall angebracht, auch die Begleiterscheinungen (Starkregen, (Groß-)hagel, schwere Sturmböen/ orkanartige Böen) wurden gut erfasst.


LG Justin

Projekt- und Teamleiter der Stormchaser Sachsen-Anhalt
Letzte Änderung: 23 Apr 2019 06:18 von Justin Wenk.
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