[2015] 07.07.2015 - Downburst Halle/ Saalekreis

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26 Jul 2015 00:22 - 23 Apr 2019 06:36 #2 von Justin Wenk
Justin Wenk erstellte das Thema [2015] 07.07.2015 - Downburst Halle/ Saalekreis
 
Zusammenfassung
 
 
Art, Intensität und Zelltyp
 
 
Gewitter, schwere Superzelle
 
 
Beteiligte Teammitglieder
 
 
Justin Wenk
 
 
Chasingorte/ betroffene Orte
 
 
Schiepzig/ Teile von MSH, SK, nördliches Halle
 

Wetterlage

Das Wetter wurde von einem Langwellentrog mit Lage über dem Ostatlantik dominiert. Durch Zonalisierung schwächte sich der bestimmende Hochdruckrücken ab und verlor am 07.07.2015 im Laufe des Tages seinen Einfluss. Vorderseitig eines markanten Kurzwellentroges geriet die Region nochmals in den Strom subtropischer und sehr energiereicher Warmluft. Durch die Bildung eines Bodentiefs inklusive einer Konvergenz präfrontal der Trogachse setzte ab dem Nachmittag Konvektion ein, eine nachrückende Kaltfront verdrängte die heißen Luftmassen nachfolgend.

Chasingbericht, Analyse, Bilder & Videos

In den Abendstunden des 07.07.2015 zog eine relativ kleinräumige, allerdings äußerst schwere Gewitterzelle auf die Saalestadt zu. Dabei handelte es sich um eine HP-Superzelle (high precipitation = niederschlagsintensiv). Nach dem mittlerweile frei verfügbaren Doppler-Radar sowie durch visuelle Sichtung kurz vor der Passage des Unwetters konnte man eindeutige Rotation ausmachen, diese deutet zumeist auf eine erhöhte Tornadogefahr hin. Nachdem die Zelle zunächst Teile des nordwestlichen Thüringens überquert hatte, griff sie nachfolgend auf Mansfeld-Südharz über. Gegen 19.50 Uhr erreichte diese den Saalekreis und verlagerte sich weiter in Richtung Nordost. Um 20.05 Uhr und 20.10 Uhr befanden sich Halle-Dölau, Schiepzig, Lieskau sowie der gesamte nördliche Stadtteil von Halle (hier auch teils 20.15 Uhr) im sogenannten Core (=Kern bzw. Schwerpunkt der Zelle, dadurch in diesem Bereich stärkste Intensitäten) des Gewitters.

Der Core war bei diesem Gewitter besonders gefährlich, denn hier kam es zu extremsten Wettererscheinungen. Wie oben bereits erwähnt, konnte man bei dem Gewitteraufzug auch mit bloßem Auge starke Rotation feststellen. Außerdem gab es eine sehr tiefhängende Wallcloud, welche zeit- und teilweise sogar den Boden erreicht haben könnte. Aufgrund dieser Tatsachen wollte Projektleiter Justin Wenk eine Unwettermeldung inklusive einer Tornadowarnung abgeben, leider brach kurz vor dem Abschicken das gesamte Handynetz zusammen, sodass es leider unmöglich war, andere Leute vorzuwarnen. Kurz nach dem gescheiterten Versuch überquerte uns auch schon die Gewitterzelle von Südwesten her. Zunächst frischte der Wind stark auf, es zuckten Blitze und es setzte leichter Regen ein. Nur wenige Minuten später folgte der Core mit heftigstem Starkregen (die Sicht lag bei 0 Meter!), extremen Orkanböen (weitere Infos hierzu siehe unten) und Hagel mit Korngrößen von bis zu 2, ganz vereinzelt auch bis zu 3 Zentimetern! Die Situation hielt bis zu 3 Minuten an - in dieser sehr kurzen Zeit brach das Chaos aus. Wir fragten wenige Tage darauf bei den Stadtwerken Halle nach Wetterdaten der Station im Kraftwerk Trotha und erhielten einen unglaublichen Windwert von 47,9 m/s, das sind 172 km/h!

Nachdem das Gewitter wenig später nachließ, zeigte sich eine Schneiße der Verwüstung. Neben einer weißen Landschaft (durch den Hagel) konnte man überall umgestürzte Bäume und Verkehrsschilder, abgedeckte Dächer (teils auch Fassaden), eingedrückte Fenster sowie beschädigte Autos beobachten. Oftmals gab es auch vollgelaufene Keller, teilweise überschwemmte Straßen sowie zerstörte Regenrohre (durch die enormen Wassermassen in solch kurzer Zeit). Das sind allerdings leider nur wenige von unzähligen Schäden, welche in diesen 3 Minuten entstanden sind. Vor allem Lettin wurde von diesem Unwetter schwer getroffen.

In den nachfolgenden Stunden zogen bis in die Nacht hinein 2 bis 3 weitere Gewitter über die betroffenen Regionen hinweg, diese besaßen aber eine deutlich schwächere Intensität und verursachten keine weiteren Schäden. Sie unterbrachen jedoch teilweise mehrmals die Aufräumarbeiten.

Kurz bevor es losging sah der Himmel bereits sehr bedrohlich aus (weitere Bilder folgen nach der Bearbeitung!):


Die Wallcloud erreichte dabei sogar den Boden, außerdem kam es wie bereits erwähnt zu starker Rotation.

Ein Video von Projektleiter Justin Wenk zeigt die äußerst gefährliche Unwetterpassage:


Analyse: Tornado oder Downburst (schwere Gewitterfallböe)?

Der Fall wurde in den darauffolgenden Tagen von mehreren Hobby-Meteorologen/ Stormchasern sowie weiteren Wetterexperten untersucht, auch wir beteiligten uns an der Analyse. Diese ergab bisher, dass es sich um einen Downburst gehandelt hat. Ein Tornado erscheint eher unwahrscheinlich. Diese Schlussfolgerung hat einfach den Grund, dass sich immer dasselbe gerade Fallmuster zeigte. Nicht divergente Fallmuster fielen uns allerdings unter anderem im Bereich Blumenweg/ Heidering/ Heidestraße (Teile von Lettin/ Heide-Nord) auf, diese würden auf einen möglichen Tornado (etwa Kategorie F2, rain wrapped, also von starkem Regen "umhüllt" und dadurch nicht eindeutig sichtbar) hindeuten. Hier bzw. in diesem Bereich gehen wir aber davon aus, dass diese durch die Bebauung oder ähnliche Faktoren verursacht wurden.

Seitens der Stadtwerke Halle kamen wir wie oben bereits erwähnt zu der Erkenntnis, dass es bei dem massiven Downburst extreme Orkanböen von bis zu 172 km/h gegeben hat (gemessen von der Station Kraftwerk Trotha)!

Der Tornadoverdacht ging hauptsächlich durch die Sichtung der starken Rotation (auf dem Doppler-Radar als auch durch Beobachtung), der gleichzeitig sehr tiefhängenden Wallcloud im Vorfeld, der starken Schäden mit teils nicht divergentem Fallmuster sowie Beobachtungen während der Unwetterpassage hervor. Erschwert bzw. verzögert wurde die Analyse zusätzlich durch die schnelle Schadensbeseitigung.

Analyse II: Verlauf der Superzelle

Die Superzelle zog von Hessen her nach Thüringen, griff darauffolgend auf Sachsen-Anhalt über (speziell südliches/ östliches Mansfeld-Südharz - westlicher/ nördlicher Saalekreis sowie Norden von Halle - südlichstes Anhalt-Bitterfeld und Wittenberg), streifte teilweise auch Nordsachsen und löste sich nach einer Lebensdauer von fast 6 Stunden über dem südlichen Brandenburg auf. In einem relativ schmalen Streifen quer durch die genannten Regionen kam es zu schweren Schäden. Bei dem Gewitter handelte es sich um einen Rightmover, die Superzelle scherte also klassisch aus und behielt nicht die eigentliche Zugrichtung, welche für den Strömungsverlauf am 07.07.2015 typisch war.

Verlauf des Gewitters - Radarbilder

Radarbild Sachsen-Anhalt von: 20:00 Uhr 20:05 Uhr 20:10 Uhr 20:15 Uhr 20:20 Uhr

Radarbild Halle/ Saalekreis von: 20:00 Uhr 20:05 Uhr 20:10 Uhr 20:15 Uhr 20:20 Uhr

Unwetterschäden, Bilder & Analyse

Die Superzelle verursachte in und um Halle größere Schäden als Orkan Kyrill im Jahr 2007. Die Schadenssumme liegt ersten Erkenntnissen nach im Millionenbereich. Es war das schwerste Unwetter seit Jahren. In der Heide sind tausende Bäume umgestürzt, die Aufräumarbeiten werden hier noch bis in den Herbst hinein andauern. Auch sonst gab es dutzende entwurzelte Bäume, abgedeckte Dächer, umgefallene Verkehrsschilder, eingedrückte Fenster, beschäddigte Fassaden und noch unzählige weitere Schäden (siehe auch oben). Besonders Lettin wurde dabei -wie oben bereits erwähnt- schwer getroffen.

Aufnahmen aus Schiepzig










































Aufnahmen aus Dölau

















































Aufnahmen aus Heide-Nord














Aufnahmen aus Lettin
























LG Justin

Projekt- und Teamleiter der Stormchaser Sachsen-Anhalt
Anhang:
Letzte Änderung: 23 Apr 2019 06:36 von Justin Wenk.
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